Brüssel

EU – USA – Großbritannien: Verhältnisse werden neu definiert

Das Referendum zum Brexit und seine Folgen sind in der Brüsseler Szene nicht nur für politisch Interessierte ein großes Thema: Viele deutsche Anwälte arbeiten in international besetzten Büros eng mit britischen Anwälten zusammen und beobachteten daher ganz persönlich, wie Kollegen und Bekannte nach EU-Anwaltszulassungen und teils auch EU-Staatsangehörigkeiten strebten. Sich für europarechtliche Beratungsmandate in Stellung zu bringen, wird im kommenden Jahr eine zentrale strategische Aufgabe, die eng mit dem Verhandlungsfortschritt auf politischer Ebene zusammenhängt.

Die EU-Kommission verhängte von den politischen Erdbeben unbeeindruckt 2016 mit drei Milliarden Euro ihre bis dato höchste Kartellbuße: Es traf vier namhafte Lkw-Hersteller. Unbeirrt arbeitete sie auch weiter an den Bedingungen für einen leistungsstarken digitalen Binnenmarkt – mit ihrem EU-Missbrauchsverfahren gegen Google, Vorstößen gegen das Geoblocking und der Sektoruntersuchung E-Commerce. Erste Ergebnisse aus dieser europaweiten Analyse des Online-Handels werden für den Herbst 2016 erwartet.

Nachdem die EU-Kommission Ende 2015 zwei Ländern rechtswidrige, selektive Steuervorteile für Fiat beziehungsweise Starbucks vorgeworfen hatte, laufen aktuell zudem noch drei weitere Untersuchungen gegen Apple (Irland), Amazon (Luxemburg) und belgische Steuervorbescheide zu Gewinnüberschüssen. Die Kommission ist entschlossen, Steuervermeidungsstrukturen mit dem Mittel des Beihilferechts auszuhebeln.

 Brexit-Folgen fu?r britische Europarechtler

Kanzleien stärken ihre Beratungsvielfalt

Versierte Kartellrechtler alleine genügen längst nicht mehr, um in Brüssel gut aufgestellt zu sein. Darauf haben die führenden Kanzleien bereits reagiert und wie Freshfields Bruckhaus Deringer, Latham & Watkins oder Jones Day gezielt Spezialisten aus den eigenen Reihen aufgebaut oder aber Quereinsteiger von anderen Kanzleien hinzugeholt: Alle drei Kanzleien haben Unternehmen im Zusammenhang mit der aktuellen Untersuchung der internationalen Konzernsteuerstrukturen beraten. Jones Day holte aktuell noch einen versierten jungen Deutschen für ihre Beratung im Datenschutz dazu und ergänzt ihr fachliches Spektrum so um ein hochaktuelles Thema, das bei der zunehmenden Digitalisierung von wirtschaftlichen Abläufen immer wichtiger wird.

Heimatmärkte mit stärkerem Einfluss auf Positionierung der Kanzleien

Für deutsche Mandanten ist bei ihrer Kanzleiauswahl häufig auch wesentlich, wie gut die Anbindung der Brüsseler Anwälte an die Büros in Deutschland ist. Sehr oft werden Mandate auch über die deutsche Praxis vermittelt. Fest im Brüsseler Sattel sitzen daher auch Kanzleien wie CMS Hasche Sigle, Gleiss Lutz und Redeker Sellner Dahs.

Viele deutsche Anwälte in internationalen Kanzleien erkaufen sich ihre Erfolge in Brüssel jedoch damit, dass sie im deutschen Markt und bei deutschen Mandanten an Präsenz verlieren. Grund dafür ist nicht nur die geografische Lage, sondern auch der Graben, der zwischen deutschen Stundensätzen und dem internationalen Niveau klafft. Multinationale Unternehmen zahlen für international erfahrene Akteure meistens die in USA üblichen Preise – und damit mehr als deutsche Unternehmen.

Ein Effekt zeigt sich derzeit sogar an der Marktspitze, denn aktuell hat zum Beispiel Cleary Gottlieb Steen & Hamilton keinen deutschen Partner mehr vor Ort. Hogan Lovells und Baker & McKenzie waren in der gleichen Situation. Letztere holte bereits im Vorjahr einen Quereinsteiger dazu, bei Hogan Lovells wechselte ein neu ernannter Partner ins Brüsseler Büro. Diese beiden Kanzleien sind allerdings auch im deutschen Markt auf Expansionskurs.


Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die in Brüssel, dem Ursprungsort des Europarechts, tätig sind und sich in dem dortigen internationalen Umfeld platzieren konnten. Dabei wird nicht nach deutschen und internationalen oder ausländischen Büros unterschieden. Als Kriterium für die erstellte Rangliste unter den zahlreichen Kanzleien gelten der Ruf und die Kompetenz vor Ort, das Vorhandensein deutschsprachiger Anwälte und/oder starke Beziehungen zum deutschen Rechtsmarkt. Lobbytätigkeit wird nur dann besprochen, wenn eine Kanzlei diese neben einem marktbekannten Schwerpunkt in der Rechtsberatung anbietet. Informationen über in Brüssel tätige Kanzleien finden sich außerdem v.a. in den Kapiteln ?Außenhandel, ?Beihilferecht und ?Kartellrecht.