Konfliktlösung

(Stand: 23. Oktober 2015*)

Worum geht’s?

Glossar

  • Anwaltsmarkt in Phase der Neuordnung
  • Wolf Theiss durchlebt massiven Umbruch
  • Wirtschaftsstrafrecht wird bedeutender
Die gerichtliche Aufarbeitung der Finanzkrise beschäftigt weiterhin zahlreiche Kanzleien in Wien – sofern sie in dem Segment auf eine treue Mandantschaft bauen können. Dagegen befindet sich der Anwaltsmarkt mit zahlreichen Spin-offs in einer Phase der vollständigen Neuordnung.

Es sind vor allem die Banken und Energieunternehmen, die den österreichischen Prozessanwälten derzeit gutes Geschäft bescheren, auch wenn manche Anwälte bereits ein Abklingen der Prozessserien beobachten. Herausragend waren zuletzt sicher die Prozesse rund um den Heta-Komplex, die nicht nur hinsichtlich Volumen, Streitwert und mit Blick auf die öffentliche Aufmerksamkeit ihresgleichen suchen, sondern auch immer wieder rechtliches Neuland betreten und austarieren.

Daneben beschäftigen die Anwälte weiterhin zahlreiche Anlegerschutzklagen und weitere Bankenkomplexe im Nachgang zur Wirtschafts- und Finanzkrise, beispielsweise die Klagen rund um den Salzburger Finanzskandal oder die sogenannten Linz-Swaps.

Wohl den Kanzleien, die in diesem Segment auf eine treue Mandantschaft bauen können, wie beispielsweise Fellner Wratzfeld & Partner, Binder Grösswang oder Freshfields Bruckhaus Deringer auf Bankenseite oder einschlägige Kanzleien auf Anlegerseite wie Brauneis Klauser Prändl – ihre Prozesspraxen waren zuletzt bestens ausgelastet.

Erdbeben bei Wolf Theiss

Seltenheitswert hat da das – allerdings in vieler Hinsicht außergewöhnliche – Verfahren um den so genannten Linz-Swap. Die Bawag, die mit der Stadt Linz um Verluste aus riskanten Finanzgeschäften streitet, entzog zunächst Wolf Theiss das Mandat und setzt nun in der Hauptsache auf Lansky Ganzger + Partner sowie im Hintergrund auf Dorda Brugger Jordis. Kurze Zeit nach dem Mandatswechsel verließ die bei Bawag federführende Partnerin Bettina Knötzl allerdings auch Wolf Theiss und gründete zum Jahreswechsel zusammen mit dem anerkannten jüngeren Schiedsrechtler Florian Haugeneder und einer Reihe weiterer ehemaliger Wolf Theiss-Juristen die eigene Kanzlei Knoetzl Haugeneger Netal.

Mit knapp 20 Juristen wurde Knoetzl Haugeneger Netal damit auf einen Schlag zur mit Abstand größten Litigation- und Arbitration-Boutique Österreichs – und zwang Wolf Theiss zur kompletten Neuaufstellung der Bereiche, nachdem die Kanzlei bereits im Jahr 2014 ihren erfahrensten Schiedspartner Dr. Christoph Liebscher verloren hatte (machte sich ebenfalls selbstständig).

Spin-offs wirbeln Markt auf

Marktbeobachter halten es für möglich, dass der Spin-off die Marktverhältnisse in Österreichs Konfliktlösungsszene auch langfristig weiter durcheinanderwirbelt. Denn auch Schönherr hatte 2014 mit Dr. Gerold Zeiler, der nun ebenfalls in einer eigenen spezialisierten Kanzlei tätig ist, ihr Aushängeschild im Schiedsrecht verloren. Gleichzeitig setzt Schönherr seitdem auf den langjährigen Managing-Partner Dr. Christoph Lindinger, dem es recht schnell zusammen mit seinem Team gelang, einige handfeste Erfolge insbesondere mit Investitionsschiedsverfahren zu erzielen.

Jetzt scheinen auch andere Anwälte den Charme einer Konfliktlösungsboutique entdeckt zu haben: So beschlossen beispielsweise die – ebenfalls aus der Wolf Theiss-Schule stammenden – Simone Petsche-Demmel und Dr. Andreas Pollak nach der Trennung von ihrem zu PwC gewechselten Kanzleipartner in einer hoch spezialisierten Einheit weiterzumachen. Und der langjährige Namenspartner von Fiebinger Polak Leon & Partner, der auf alternative Streitbeilegung spezialisierte Dr. Christoph Leon, machte sich ebenfalls Anfang 2016 selbstständig.

Wirtschaftsstrafrecht als Spezialdisziplin

Die jüngsten Wechsel spiegeln eine allgemeine Entwicklung wider: Das Prozess- und Schiedsrecht entwickelt sich mehr und mehr zum Boutiquen-Geschäft. Zwar zählen beispielsweise Großkanzleipartner wie Dr. Günther Horvath bei Freshfields Bruckhaus Deringer weiter zu den führenden Köpfen in der Szene. Doch sind es nicht zuletzt die zahlreichen Konflikte, die im streitigen Bereich tätigen Großkanzleianwälten drohen, die es zunehmend attraktiver machen, in eigener Einheit tätig zu sein. Dass hierbei nicht nur der „Grey-Hair“-Faktor für den Erfolg entscheidend ist, zeigen bereits seit einigen Jahren am Markt präsente Spezialkanzleien wie Konrad & Partner.

Ab von Neugründungen findet aber auch innerhalb der bestehenden Praxen eine weitere Spezialisierung statt. Mit der Einrichtung eines Teams für White-Collar-Crime reagierte etwa Dorda Brugger Jordis auf die immer wichtiger werdende Vertretung in diesem Segment. Das hat auch DLA Piper Weiß-Tessbach erkannt: Dass der bekannte Wiener Strafrechtler Dr. Thomas Kralik zur internationalen Großkanzlei wechselte, wurde von vielen Marktteilnehmern als mutiger, aber richtiger Schritt beurteilt. Kralik soll die Praxis zu White-Collar-Crime flankieren – ein Bereich, in dem internationale Großkanzleien wie DLA oder Baker & McKenzie Diwok Hermann Petsche aufgrund ihrer Struktur durchaus profitieren.

Verkürzung des Instanzenzugs bislang ohne Effekt

Im Schiedsrecht blieb die vor einigen Jahren durchgeführte Reform bislang noch ohne große Konsequenzen. Zwar lobten die österreichischen Schiedsrechtsspezialisten durchweg den Schritt, statt eines langen Instanzenzuges bei der Anfechtung einen spezialisierten Senat am OGH für die Anfechtung zu stellen. Erste Fälle vor ebendiesem Senat zeigten nach Ansicht der meisten Anwälte, dass dieser in kurzer Zeit bereits eine beachtliche Qualität vorweisen könne. Doch sei es noch deutlich zu früh, eine endgültige Bilanz zu ziehen. Mehr Fälle aufgrund der neuen Regelungen konnten die meisten Schiedsrechtler Wiens zumindest nicht feststellen. Gleichwohl profitieren sie weiterhin vom sehr guten Ruf des Standortes, insbesondere bei Streitigkeiten in Bezug auf die CEE/SEE-Region. Hier waren viele Schiedsrechtler zuletzt mit Verfahren rund um den Energiesektor befasst, beispielsweise zu Gaspreisanpassungen. Aber auch Investitionsschutzklagen stehen immer häufiger auf der Agenda hiesiger Schiedsrechtler: Nicht nur sieht sich Österreich im Meinl-Komplex mit der ersten Investitionsschutzklage überhaupt konfrontiert, insbesondere mit Bezug auf Osteuropa sind die Fälle insgesamt zuletzt stark angestiegen.

*In eigener Sache: Die Entwicklungen des Jahres 2016 finden sich aufgrund der Aktualität der Ereignisse nur sehr unvollständig im folgenden Ranking. Der JUVE-Redaktion war es in der Kürze der Zeit nicht möglich, eine qualifizierte Bewertung der heuer neu gegründeten Kanzleien, aber auch die Folgen für Wolf Theiss vorzunehmen, so dass die Ende 2015 entstandenen Rankings nur unwesentlich verändert wurden.