Insolvenz und Restrukturierung

(Stand: 08. Januar 2016)

Worum geht’s?

  • Spezialkanzleien legen zu
  • Schönherr baut Stellung aus
  • Heta als Präzedenzfall für eigenständiges Banken-Insolvenz-Regime

Der Anwaltsmarkt im Bereich Restrukturierung und Insolvenz weist derzeit eine große Dynamik auf – auch wenn die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2015 sehr klein war. Insbesondere spezialisierte Einheiten gewinnen in dieser Lage an Bedeutung.

Das Insolvenzjahr 2015 endete mit einem Hammer. Nach schwacher Entwicklung, in der sich Insolvenzverwalter und Restrukturierungsberater mit einem deutlichen Rückgang der Unternehmensinsolvenzen abfinden mussten, veränderte die Pleite von Zielpunkt aus Verwaltersicht das Jahr.

Doch wer gedacht hätte, Zielpunkt sei ein Ausreißer, sah sich getäuscht. Im ersten Halbjahr 2016 stieg seit Jahren die Zahl der eröffneten Verfahren erstmals nach vielen Jahren wieder. Und die Zahl der geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten schnellte laut dem Gläubigerverband KSV1870 sogar um 117 Prozent gegenüber dem Vorjahr nach oben. Grund dafür sind allerdings im wesentlichen drei Insolvenzen. Activ Solar mit 500 Millionen Euro und CBA mit 322 Millionen Euro stellten das mit Abstand größte Verfahren 2015, Zielpunkt, nach Passiva klar in den Schatten, denn hier waren „nur“ 237 Millionen im Feuer (Lesen Sie hier die Top-10-Insolvenzen 2015 und die Top-5-Insolvenzen 2016).

Offensichtlichster Profiteur des Zielpunkt-Konkurses war Masseverwalter Dr. Georg Freimüller (Freimüller Obereder Pilz). Unter den Kanzleien, die in Wien für Verwaltungen mit einer Vielzahl betroffener Dienstnehmer ausgewiesen sind, belegt seine Einheit einen Spitzenplatz.

Spezialisten gefragt

Allerdings ist Freimüller nicht die einzige Kanzlei, die auch in einem vermeintlich schwachen Umfeld entgegen dem Trend mit ihrer Spezialisierung deutlich im Markt zulegen konnte. Zu den Gewinnern zählen auch die auf Schuldnervertretungen spezialisierten Teams von Dr. Ulla Reisch (Urbanek Lind Schmied Reisch) und von Dr. Michael Lentsch (Kosch & Partner), die an einer Vielzahl der größten Verfahren mitwirkten, sowie Dr. Stephan Riel von der führenden Verwaltereinheit Jaksch Schoeller & Riel. Mit der Verwaltung von Slav wurde ihm im März 2016 vom HG Wien das erste wirklich große Verfahren zugewiesen seit er die Verwaltung von Alpine übernommen hatte.

Ebenfalls ihre Präsenz ausweiten konnten einige Grazer Kanzleien. Die Steiermark mit ihrer recht starken Industrielandschaft steht wie Oberösterreich für die größten Insolvenzen des Jahres. Hinzu kommt in Graz allerdings, dass das dort ansässige Insolvenzgericht seine Bestellungspraxis verändert hat und breiter bestellt, als das in vielen Jahren zuvor der Fall gewesen ist. Davon profitiert seit einiger Zeit nicht nur die eigentlich aus Wien stammende Dr. Ulla Reisch, sondern auch Einheiten wie die größte Kanzlei vor Ort, Held Berdnik Astner & Partner sowie jüngere Spezialteams wie Kapp & Partner, Kaan Cronenberg & Partner oder Muhri und Werschitz, die damit den langjährigen Platzhirschen Graf & Pitkowitz oder Scherbaum Seebacher das Leben etwas schwerer machen.

Wenige Großkanzleien dominieren

Weniger dynamisch gestaltet sich das Segment der Kanzleien mit hochkarätiger Restrukturierungsberatung, hier hat sich das Marktbild eher verfestigt: Die schon seit einiger Zeit in diesem Bereich sehr aktive Wiener Top-Kanzlei Schönherr ist auf dem Weg, immer mehr zum bestimmenden Akteur zu werden. Doch auch andere Kanzleien konnten zulegen. Fellner Wratzfeld & Partner etwa, die insbesondere in der Bankenberatung den Markt lange Jahre alleine dominierte, punktete mit einem breiteren Beratungsansatz.

Die einzig wirkliche Aufsteigerin im Restrukturierungsbereich ist Dorda Brugger Jordis. Wettbewerber bescheinigen ihr, durch ihre Rolle als Beraterin von Baumax – dem größten außergerichtlichen Restrukturierungsprozess des vergangenen Jahres – deutlich an Präsenz gewonnen zu haben.

Heta sorgt für Auslastung vielerorten

Zudem spielt die Kanzlei eine herausgehobene Rolle bei den Wirren um die frühere Hypo Alpe-Adria. Diese beziehungsweise ihr Nachfolgeinstitut Heta bescherte den Beratern einmal mehr eine Sonderkonjunktur. Mit dem Gesetz zur Sanierung und Abwicklung von Banken (BaSAG) lief bis ins erste Halbjahr 2016 der europaweit auffälligste Praxistest für das von der EU vorgegebene eigenständige Insolvenzrecht für Banken, das in einer Verständigung Österreichs mit der Mehrheit der Anleihegläubiger endete (das Ergebnis stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest). Hier dominierten und dominieren die Großkanzleien das Geschehen eindeutig, sei es auf Seite der Heta (CMS Reich-Rohrwig Hainz, Eisenberger & Herzog), des Bundes (Schönherr, CHSH Cerha Hempel Spiegelfeld Hlawati) oder auf Seiten der Anleihegläubiger, deren Forderungen per Gesetz beschnitten wurden (neben Dorda Brugger Jordis, vor allem Freshfields Bruckhaus Deringer, Binder Grösswang und Wolf Theiss). Die ungeheure Präsenz fast aller Wiener Großkanzleien überrascht angesichts der vielen komplizierten Verästelungen und internationalen Auswirkungen der Causa nicht. Überraschend war da eher der Vorstoß, den die Insolvenzspezialkanzleien Abel & Abel und Dr. Engelhart & Partner in Sachen Kärntner Landesholding unternahmen. Im Ergebnis wohl nicht geglückt, zauberten sie für die KLH das praktisch bislang kaum erprobte Unternehmensreorganisationsgesetz (URG) aus dem Hut, um Schwung in die verhärteten Fronten zu bringen.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich die Finanzindustrie mit ihrem eigenständigen Insolvenzregime tatsächlich über Einzelfälle hinaus zu einem festen Bestandteil des Insolvenzgeschehens entwickelt. Die Möglichkeiten, insbesondere für international agierende Großkanzleien, scheinen hier jedenfalls in mehrfacher Hinsicht grenzenlos.